Dilettantismus

 

Das ist ein Begriff, der im Laufe der Geschichte unterschiedliche Bedeutungen gehabt hat. 

Was das Wort „Dilettantismus“ ursprünglich bedeutete, wissen wir alle. Dilettare auf Italienisch steht für Freude bereiten, Vergnügen finden, Liebhaberei im Allgemeinen. So ein schöner Begriff! Das goldene Zeitalter des Dilettantismus – die Zeit, als es ehrenhaft und schätzenswert war, ein Dilettant zu sein – ist jedoch seit Langem vorbei. Bis ins 19. Jahrhundert hinein hatten nur wohlhabende Menschen Zeit und Möglichkeit, sich mit Literatur, Musik oder anderen „intellektuellen“ Tätigkeiten zu beschäftigen. Sie waren stolz darauf, dass dies für sie kein Beruf war. Künstler von Beruf gehörten sozial gesehen zu den unteren Schichten der Gesellschaft. Deshalb wollte zum Beispiel der Komponist Benedetto Marcello im 18. Jahrhundert, dass seine veröffentlichten Partituren den Hinweis trugen, er sei ein „Nobile veneziano, dilettante di contrappunto“.

 

Im Laufe der Zeit hat sich die Bedeutung des Begriffs grundlegend verändert. Auch heute definieren wir einen Dilettanten als jemanden, der eine Kunst nicht beruflich ausübt und – im Gegensatz zur früheren Auffassung – als weniger kompetent gilt als jemand, der sich vollzeitig einer künstlerischen Tätigkeit widmet. Wir glauben nicht mehr, wie unsere Vorfahren, dass jemand, der etwas aus reiner Lust tut, überzeugender wirken kann als jemand, der dieselbe Tätigkeit aus ökonomischer Notwendigkeit ausübt. Als im Abendland die elektronische Reproduzierbarkeit von Musik noch undenkbar war, war es weit verbreitet, in der Familie, in der Schule oder allgemein in kleinen sozialen Gemeinschaften zu musizieren. Mit der Erfindung der Pianolas, der Schallplatte und der darauffolgenden Tonträger änderte sich diese Situation grundlegend. Hinzu kommt, dass sich zur selben Zeit, als der Begriff „klassische Musik“ entstand, diese Musik als etwas Heiliges etablierte – und was als heilig gilt, durfte nach damaliger Auffassung nicht durch die Hände von Dilettanten entweiht werden. Nur Profis besitzen – so die heutige Annahme – die Fähigkeit, Musik der Hochkultur angemessen zu behandeln.

 

Glücklicherweise entwickelte sich in dieser Übergangszeit auch die populäre Musik – Rock und Pop –, in der sich jeder einbringen kann. Unzählige Menschen investieren weltweit Zeit und Energie, um jenes Vergnügen zu erleben, das nur durch eigenes Musizieren erfahrbar ist. Häufig kommt es vor, dass sich Dilettanten so weit entwickeln, dass ein ursprünglich privates Interesse eines Tages zu einem Beruf wird. Auffällig ist etwa, dass viele der besten und bekanntesten Gitarristen unserer Zeit als Dilettanten und Autodidakten begonnen haben. Dilettantismus ist in der Musik daher nach wie vor weit verbreitet (meiner Meinung nach ist eine Kunst nicht wirklich lebendig, wenn sie nicht viele Dilettanten anzieht).

 

Trotzdem ist er – obwohl er eine der weltweit verbreitetsten musikalischen Erscheinungen ist – kaum ein Thema der historischen Musikwissenschaft. Die einzige Erklärung, die mir plausibel erscheint, ist, dass sich diese Disziplin auf die Erforschung von Meisterwerken konzentriert hat und weniger auf musikalische Tätigkeiten, die Freude bereiten und gesellschaftlich ein größeres Gewicht besitzen. Anders verhält es sich in der Musikethnologie. Kulturen unterscheiden sich in vielerlei Hinsicht: Sie entwickeln unterschiedliche musikalische Gattungen und legen fest, wer, wann und wie mit ihnen umgehen darf. In manchen Kulturen existiert die Unterscheidung zwischen Profi und Dilettant, in anderen ist sie weitgehend irrelevant. Dies ist häufig dort der Fall, wo mündliche Überlieferung vorherrscht. Entsprechend hat die Musikethnologie nicht-professionelle musikalische Praktiken intensiv untersucht, die Kategorie des „Dilettantismus“ jedoch meist vermieden und stattdessen Begriffe wie music-making, participatory music oder everyday musical practice verwendet.

 

Natürlich kann man zugleich professionell und dilettantisch sein – oder umgekehrt. Benedetto Marcello, bereits erwähnt, war ein herausragendes Beispiel eines professionellen Dilettanten. Auch im 19. Jahrhundert erreichten manche Dilettanten ein bemerkenswert hohes Niveau. Anselm Hüttenbrenner, etwa ein Freund Schuberts, schrieb einen Walzer über dessen Lied „Der Erlkönig“, der großen Popularität erlangte. Im Bereich der sogenannten „klassischen Musik“ gilt als professioneller Musiker, wer vollzeitig mit Musik arbeitet und häufig Mitglied entsprechender Verbände oder Gewerkschaften ist. Institutionen wie das Konservatorium übernehmen die professionelle Ausbildung; Dilettanten haben dort in der Regel keinen Platz. Diplome fungieren dabei als offizielle Bestätigung des Professionalismus. Doch ist diese Abgrenzung tatsächlich so eindeutig?

 

Natürlich nicht. Wer hervorragend spielt, singt, komponiert oder arrangiert, wird kaum nach einer Lizenz oder einem akademischen Grad gefragt. Weder Stravinsky noch Schönberg strebten je ein formales Diplom an. Gleiches gilt für zahlreiche Jazzmusiker wie Duke Ellington oder Miles Davis sowie für Rockmusiker wie Jimi Hendrix oder Mark Knopfler.

Trotz der Konservatorien ist es heute einfacher denn je, sich selbstständig zu orientieren, wenn man etwas lernen möchte – sei es Musik, Mathematik oder ein anderes Gebiet. Auf YouTube finden sich Tutorials zu nahezu allen Wissensbereichen. Hinzu kommen Institutionen ersten Ranges wie das MIT, die über digitale Plattformen freien Zugang zu Vorlesungen und Kursen bieten, gehalten von ausgezeichneten Lehrenden. So entsteht der Eindruck, dass es in Zukunft mehr Autodidakten geben wird: Einige bleiben Dilettanten, andere entwickeln sich zu Profis. Hoffentlich werden sich einige derjenigen, die ein professionelles Niveau erreichen, auch an die reine Freude erinnern, die sie einst als Dilettanten kannten.